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Europäische Spiritualität erleben

Tag: Rauhnächte

Ein frohes Julfest und besinnliche Rauhnächte!

Hirschdarstellung in kohleschwarz auf gelb-orangenem Ockerhintergrund

Weihnachten, Jul und die Rauhnächte

In der tiefen winterlichen Dunkelheit gibt es bald wieder etwas zu Feiern: Die Wintersonnenwende. Sie war in vielen alten Kulturen ein gefeiertes Ereignis. Die Ausrichtungen alter Steinsetzungen und auch der Termin des christlichen Weihnachtsfestes richten sich nach ihr. Bis ins 15. Jahrhundert wurde der Heilige Abend zur Wintersonnenwende gefeiert, und die lag nach dem damals gültigen julianischen Kalender meist am 24. Dezember. Als dann der gregorianische Kalender eingeführt wurde, blieb man dabei, den Heiligabend am 24. zu feiern, obwohl die Wintersonnenwende jetzt um den 21. Dezember datiert war. Die Bezeichnung „Jul“ für das Fest ist vorchristlich nachgewiesen und wird in Skandinavien auch heute noch für die Weihnachtsfeiern gebraucht. Denkbar ist, dass die Feiern zur Wintersonnenwende früher genauso regional geprägt waren wie später dann auch die Advents- und Weihnachtstraditionen.

JulschlittenDie Wurzeln der Traditionen rund um Jul und Weihnachten sind nicht mehr eindeutig bestimmten Religionen oder Kulten zuzuordnen. Schriftliche Quellen sind, wie in den meisten Fällen, christlich beeinflusst. Bei der Suche nach „ursprünglichen“ Bräuchen ist zu beachten, dass hinter der Verbreitung von vermeindlichen Traditionen seltsame Motive stehen können: Negative Beispiele sind die Bemühungen der Nationalsozialisten, das „christliche“ Brauchtum durch „artgemäßes“ zu ersetzen, und auch die Interessen der heutigen Wirtschaft richten sich auf breite Vermarktungsmöglichkeit, nicht nach Sinn und Wurzeln. Wie unsicher die lebenden Traditionen zu bewerten sind, zeigt der Artikel
„24 populäre Irrtümer rund ums Weihnachtsfest“ von M. Marheinecke.

elchDagegen erscheint uns manches Alte nur neu, denn heute wandern regionale Traditionen mit den Menschen auch schneller als früher durch die Welt. Die mittelamerikanischen Weihnachtsbräuche erobern ebenso wie Tortilla-Chips die nördlicheren Regionen, dafür ziert Watteschnee in heißen Ländern Riesenkrippen, Juleböcke werden neben schwedischen Möbeln weltweit angeboten, im Ausland sind „original deutsche Weihnachtsmärkte“ Besuchermagneten, dazu singen alle „Feliz Navidad“ und manche in Deutschland lebenden Muslime stellen zu Hause Weihnachtsbäume auf.

Wenn dieses Fest wirklich besinnlich gefeiert wird, wenn wir es also mit allen hoffentlich noch nicht ganz überreizten Sinnen begehen, dann schaffen wir eine jeweils persönliche, eigene und stimmige Tradition. Diese passt sich den wechselnden Lebensumständen an (Umzug, Familienzusammensetzung) oder bildet bei zuviel Unstetigkeit gerade durch Vertrautes Halt. Die Entscheidung, mit wie vielen und welchen Göttern dieses Fest zu feiern ist, kann viele Gründe haben und auch erfahrungsabhängig sein.

Wilde JagdAuf die Wintersonnenwende folgen die 12 Rauhnächte, die Zeit „zwischen den Jahren“, in der die Verbindungen zwischen den Welten durchdringbarer sind. Gerade in solchen Zeiten wurde und wird viel Räucherwerk verwendet, was den Rau(c)hnächten vielleicht auch den Namen gab. Wotan oder die Percht ziehen mit dem Wilden Heer oder auch der Wilden Jagd durch weite Teile Europas, denn trotz regionaler Unterschiede sind dort viele ähnliche Mythen- und Sagenmotive verbreitet. Eine ausführliche Lektüre dazu ist das Herdfeuer-Themenheft des Eldarings, das von Christian Brüning verfasst worden ist ( C. Brüning, Herdfeuer Nr. 16: „Die Wilde Jagd“, ISSN:1611-4604), und der Artikel bei Asawiki.

Man sollte Arbeiten ruhen lassen, kann jetzt die vergangenen Monate verabschieden, zu Hause bleiben oder Familie und Freunde besuchen und vielleicht ein Orakel für das kommende Jahr befragen. Diese Zeit muss nicht unbedingt genau 12 Nächte zählen, sie kann auch mit einer lauten Sylvesterfeier beendet werden. Heute ist der Adventszeit nicht mehr anzumerken, dass sie einst eine Fastenzeit war (wohl um für die folgenden üppigen Festlichkeiten genug Nahrung zusammengespart zu haben). Nach den Feiertagen bieten die Rauhnächte eine gute Gelegenheit, sich neu zu Be-Sinnen für das von der wieder wachsenden Sonne erleuchtete Neujahr.

HirschmünzeInteressant sind Motive von Elch, Rentier oder Hirsch, die sich heute in der modernen Weihnachtsdekoration verbreiteten. Vielleicht sind sie gar kein so neuer Brauch, der hauptsächlich auf die Popularität des Ohrwurms „Rudi, The Red-Nosed Reindeer“ zurückgeht?

In diesen Darstellungen verbindet sich die Thematik von der wiederkehrenden Sonne mit Motiven der Wilden Jagd. Vor allem in den keltischen Traditionen ist die Sonne mit einem Hirsch verbunden. Aber auch das „Sonnenlied“ in der Snorra-Edda, das schon viele christlich Motive mit älteren verbindet, erwähnt in Vers 55 einen Sonnenhirsch. Aus dem 8. und 9. Jahrhundert liegen Funde aus Haithabu vor, die Hirschdarstellungen in Verbindung mit Sonnen- und anderen kultischen Symbolen zeigen. Da muss sich der Jul-Eber warm anziehen, um seine Stellung auch außerhalb der Kochbücher zu behaupten!

sonnenhirsche aus haithabu

Die obenstehende Abbildung zeigt das abgerollte Motiv eines Tongefäßes aus dem 8. Jahrhundert, ein Exponat aus dem Wikinger Museum Haithabu.

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