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Europäische Spiritualität erleben

Tag: Götter

Oseberg

Auf dem Oseberg-Hof in Norwegen wurde 1904 in einem Grabhügel ein ganz besonderer Fund gemacht: Eine wikingerzeitliche Schiffsbestattung, die selbst den aufsehenerregenden Fund des Gokstadtschiffes, 34 Jahre zuvor, verblassen ließ. Dieses Schiff war anders, anders als alles, was man bis dahin – und auch bis heute – kannte. Und es war prächtiger, wobei sich diese Bezeichnung weniger auf die sonst so hoch gelobten Nutzeigenschaften der schnellen und wendigen Wikingerschiffe bezog, als vielmehr auf seine Ausstattungsmerkmale. Zwar fanden sich darunter keinerlei Edelmetalle wie Gold oder das in der Wikingerzeit durchaus häufigere Silber, dennoch aber äußerst aufwendig und kunstvoll hergestellte Beigaben, welche den beiden im Schiff bestatteten Frauen zugedacht waren. Seit nunmehr über hundert Jahren ranken sich verschiedenste Mythen und Halbwahrheiten um diesen ungewöhnlichen Fund. Die meisten lauten in etwa so, dass es sich bei diesem Grabhügel um die prächtige Bestattung von Königin Åsa mit einer Tochter oder Dienerin handelt und der Ort daher den Namen „Berg der Åsa“ bekam.

Nun haben sich die wissenschaftlichen Möglichkeiten und auch die interdisziplinären Erkenntnisse seitdem stark erweitert, so dass sich neue Hypothesen aufstellen lassen. Diese beziehen sich im Wesentlichen auf eine genetische Untersuchung, welche im August 2006 von Per Holck im „European Journal of Archaeology“ veröffentlicht wurde.

In einer unserer Artikelbeschreibungen im Shop formulierte ich daher: „Bei Oseberg in Norwegen befindet sich eine wikingerzeitliche Schiffsbestattung. Es wurden dort zwei Frauen mitsamt einem prächtig mit Schnitzereien verziertem Schiff sowie nahezu komplettem und äußerst luxeriösem Hofstaat bestattet. Die Vorfahren einer der dort bestatteten Frauen werden genetisch übrigens dem Schwarzmeerraum zugeordnet, was den Umgang der Wikinger mit „Ausländern“ eindrucksvoll unterstreicht…“

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit diesen wichtigen, neuen Erkenntnissen blieb bisher allerdings aus. Auch ich muss zugeben, dass ich mich – eher oberflächlich – von der langjährigen Annahme, es handele sich um die Königin Åsa, verabschiedet und der These zugewand hatte, es handele sich um eine Hohepriesterin mitsamt ihrer ihr in den Tod gefolgten Sklavin.

Dafür hat das jetzt jemand anderes getan und seine bzw. ihre Schlussfolgerungen über den „Berg der Götter“ noch dazu über ein Youtube Video veröffentlicht. Aber dennoch (oder gerade deshalb?) war und bin ich zutiefst beeindruckt von dieser Arbeit und den sich darin offenbarenden Gedanken.

Thors Hammer und die Riesen

In unserem Shop hat es eine Neuerung gegeben: Die Thorshammer-Amulette haben jetzt Namen! Bis jetzt wurden sie einfach als „Mjöllnir“ bezeichnet, und die automatische Sortierung ließ sehr zu wünschen übrig. Nun ist das besser. Die Modelle, die sich auf historische Vorbilder stützen, sind entsprechend benannt. Fast alle  anderen tragen jetzt die altnordischen Namen von Riesen.

Bronzeguss MjoellnirVon Riesen wird in den alten Schriften viel berichtet. Unsere Hammer-Auswahl trägt jetzt ihre Namen, weil Thor mit seinem Mjöllnir sozusagen Fachmann für die urgewaltigen Kräfte ist, die sich in den Riesennamen wiederfinden: Mit der Brüller, Lärmer, Schreier, der Gierige, Greifende, der Schwerfällige, der Staubige, Schmutzige, aus der Erde Stammende, der Schreckliche, der Vernichter, der Schwarze, Brennende, Feurige sind einige der Namen zu übersetzen. Andere Namen, die sich auf Äußerlichkeiten wie dick, dünn, bärtig, maskiert, glänzend, blind, krumm, dunkel und hell beziehen, sind natürlich besonders gut geeignet, um sie mit den Gestaltungsmerkmalen der Hämmer zu verbinden. Und keine Sorge, es gibt kein Thorshammer-Amulett, das jetzt den Namen „Der Verhasste“ oder „Der Dumme“ heißt, wir haben schon tragbare Namen gewählt! 😉

Die Namen der Riesinnen sind häufig so unvorteilhaft, dass wir sie nicht benutzt haben: die Betrübte, Gefährliche, Hässliche, Trampelnde, Großohrige, Hängelippige und ähnlich Uncharmantes. Eigentlich ist das verwunderlich, denn es gibt etliche Geschichten, in denen sich Götter um die Gunst von Riesinnen bemühen und sie zur Frau nehmen. Es ist offensichtlich nicht so, dass sich die Götter um Rassentrennung sorgen. Das wäre auch seltsam, denn laut Snorra-Edda stammen ursprünglich auch die ersten Götter Odin, Vili und Vé von Riesen ab, so der Schöpfungsmythos in der Gylfaginning. Aus dem im Ginnungagap aus Feuer und Eis entstandenen und von der Urkuh Auðumla genährten Urriesen Ymir ist die Welt von ihnen erschaffen worden. Doch wie gut auch immer die Ehen zwischen Göttern und Riesinnen verlaufen, so wenig vorteilhaft erscheint andersherum den Göttinnen eine Beziehung mit Riesen. Immer wieder versuchen jene, durch Listen, Tricks und Gewalt an die Göttinnen heranzukommen, sogar durch den Raub von Thors Mjöllnir, aber vielleicht ist den Göttinen die Vorstellung von einem chaosreichen Leben in den wüsten Welten der Riesen zu unangenehm?

Die Götter verkörpern das ordnende Prinzip, das Lebenswelten wie Miðgarðr (=“Wohnort in der Mitte“) und Ásgarðr (=“Heim der Asen“) schafft, und die Riesen toben in Útgarðr (=“Außenwelt“) herum. Zur nordischen Kosmologie gehören laut Snorri zudem die Welten Muspellsheim, in der die Feuerriesen leben, und Jötunheim, Wohnort der Jötnar. Jötunn ist eine ursprüngliche Bezeichnung für Riese, die nicht den abwertenden Klang wie die Begriffe Thurse und Troll hat. Anscheinend sind der Meeresriese Ägir ebenso wie Mímir, der Hüter des Weisheitsbrunnens, Partner der Götter, so dass wir darauf schließen können, dass Respekt und Weisheit über das riesische Chaos Oberhand gewinnen können.

Wenn in den Wintermonaten die Reifriesen die Herrschaft über uns anstreben oder im Sommer die Gewitterwalzen mit Riesenmacht toben, wird deutlich, dass die Riesen immer wieder aus ihren Welten in unsere eindringen wollen. Verlassen wir uns auf den Riesenbekämpfer Thor bzw. Donar, der sie mit seinem Hammer Mjöllnir immer wieder in ihre Schranken weist, wie mächtig sie mit ihren Namen auch erscheinen wollen!

Asatru – Was ist das eigentlich?

Vor dem Hintergrund, dass wir unseren Internetladen www.asatru-shop.de unter diesem Begriff führen, möchten wir nun etwas zum besseren Verständnis dieses Wortes beitragen. Auf Grund der Komplexität des Themas wird es zunächst drei Teile und danach möglicherweise noch Erweiterungen geben.

Teil 1 – Grundsätzliches

Mit Asatru (eigentlich Ásatrú) bezeichnet man die Rekonstruktion des nordisch-germanischen Glaubens. Das Wort setzt sich aus zwei Teilen zusammen, altnordisch áss steht für Götter und trú für Treue. Diese Bezeichnungen finden sich bereits in der Snorra-Edda aus dem 13. Jhdt. und der Komponist Edvard Grieg verwendete den Begriff „Asetro“ 1870 in einem seiner Werke als Bezeichnung für das germanische Heidentum. Bei dem Wort handelt es sich somit um eine eingedeutschte Lehnübersetzung aus der dänischen bzw. altnordischen Sprache. Weitere Begriffe, die im wesentlichen das Gleiche bezeichnen, sind „Forn Siðr“ (altnordisch für „Alte Sitte“, bei uns in Deutschland manchmal auch mit „Alter Weg“ übersetzt) oder auch Odinismus (Bezug auf den Gott Odin). Schriften aus der späten Wikingerzeit berichten uns sowohl von der „alten“ wie auch von der „neuen (= christlichen) Sitte“.

Asatru ist eng an den zugehörigen Kult und somit an die jeweilige Kult-ur gebunden. Von einer Religion im Sinne unseres heute vorwiegend christlich geprägten Religionsverständnisses zu sprechen erscheint kaum möglich. Aber auch das Wort „Glauben“ ist sehr missverständlich, denn es geht nicht darum, etwas zu glauben, was man nicht weiß, sondern darum, dem zu vertrauen, was man kennt oder auch erfahren hat. Asatru wird daher als Erfahrungs- oder Naturreligion verstanden, und man spricht auch vom Neuheidentum, um damit zu verdeutlichen, dass es keine ununterbrochene Tradition gibt.

Im Gegensatz zu einer Offenbarungsreligion wie dem Christentum existiert kein menschlicher „Offenbarer“, keine heilige Schrift, keine Dogmen oder Sünden und auch keine Priester im kirchlichen Sinn. Hieraus folgt nicht selten die Ansicht, es gäbe ja nicht viel, auf das man sich dann bei einer Rekonstruktion beziehen könne. Das ist allerdings weit gefehlt, denn die Forschung hat inzwischen viel mehr zu bieten als uns oberflächlich betrachtet dazu einfiele.

Sigurd und ReginAls wichtigste Quelle gelten die beiden isländischen Bücher „Lieder- und Prosa-Edda“ aus dem 13 Jhdt. mit ihren skandinavischen Götter- und Heldensagen. In diesen finden sich auch verarbeitete Inhalte kontinentalgermanischer Heldensagen, wie beispielsweise des Niebelungenliedes. Diese doch noch recht jungen Schriften haben aber einen viel älteren Bezug. Sie sind im wesentlichen auf die Völkerwanderungszeit zurückzuführen, aber manche Elemente gleichen denen, die ganz woanders und in einem der ältesten Literaturdenkmäler der Menschheit niedergeschrieben wurden: Den Hymnen der altindischen Rig-Veda (etwa 1000 bis 1500 v. d. Zt.). Diese Schrift wurde lange vor dem Entstehen des Hinduismus oder auch des Buddhismus verfasst und ursprünglich nur mündlich überliefert. Zitat: „Die Texte des Rigveda sind mündlich, ohne die Kenntnis von Schrift verfasst und über mindestens drei Jahrtausende so vom Vater zum Sohn und vom Lehrer zum Schüler überliefert worden. Der Glaube, dass nur das exakt rezitierte Dichterwort die in ihm wohnende Kraft hervorbringt, hat eine sonst nirgendwo zu findende, getreue Überlieferung bewirkt, welche die der klassischen oder biblischen Texte bei weitem übertrifft. Die Genauigkeit ist so groß, dass man von einer Art Tonbandaufnahme von etwa 1000 v. Chr. sprechen kann.“ Sprachwissenschaftler, die sich mit der indoeuropäischen Ursprache befassen, sind sich mit den Archäologen inzwischen einig, dass es einen gemeinsamen Ursprung geben muß. Aus ebenfalls der gleichen Quelle speisen sich neben der germanischen beispielsweise auch die keltische, griechische, römische und slavische Mythologie. Ob es bei uns in Europa wohl ähnliche spirituelle Praktiken wie im Hinduismus oder im Buddismus gäbe, wenn die Christianisierung nicht stattgefunden hätte?

GoetterfigurAuch ein Großteil des heute noch bei uns existierenden Brauchtums hat einen heidnischen Hintergrund, unsere Wochentage sind nach Göttern benannt, alte Ortsnamen lassen sich auf Kult- und Weihepraktiken zurückführen und auch Europa ist nicht nur ein Kontinent, sondern ursprünglich der Name der Geliebten des höchsten griechischen Gottes, Zeus. Dieser gilt wiederum als ursprünglich europäischer Hauptgott und heißt bei uns Ziu, Tiwaz oder Tyr, bei den Römern Mars, im keltischen Nuada, im baltischen Lettland wie auch in Indien Dyaus. Eine solche Gleichsetzung verschiedenster Götter aus unterschiedlichen Regionen und Mythologien kann zum Verständnis der Entwicklungsgeschichte von Kultur und Religion sehr hilfreich sein, aber auch nur dafür! Aus heutiger Sicht sind nämlich selbst Odin und Wotan keineswegs dieselben Götter. Da soll doch noch mal einer behaupten, es gäbe ja nicht viel…

Ein Schwerpunkt bei nahezu allen heidnischen Religionen ist der Ahnenkult. Dieser bezieht aber im Gegensatz zum Totenkult nicht nur direkte (also noch bekannte) Vorfahren, sondern auch Menschen, deren Leben schon lange zurückliegt, und vor allem auch mytische Ahnen ebenso wie Gottheiten mit ein. So mussten sich europäische Könige früher über die Abstammung vom höchsten der germanischen Götter, nämlich Wotan, legitimieren. Weil ein solcher Nachweis regulär natürlich schwer zu erbringen war, wurde wohl auch schon mal der eine oder andere Stammbaum etwas abgeändert. Abstammungsmythen und Ahnenkult liefern leider oftmals auch die Grundlage für eine Blut- und Boden-Ideologie, für ein „völkisches“ Heidentum, welches sich durch Rassismus und Rechtsextremismus bis hin zum offen ausgelebten Faschismus auszeichnet. Fachlich lassen sich diese Theorien wohl leicht widerlegen, aber tatsächlich finden sich immer wieder genügend Dummköpfe, die auf solchen Schwachsinn hereinfallen. Aber dazu später mehr.

Eine polytheistische Religion wie das germanische Heidentum erscheint aus heutiger Sicht in Deutschland ungewöhnlich, aber dennoch war es einst die am weitesten verbreitete „Sitte“ in Europa. Der Verehrung diverser Götter und Göttinnen dürfte früher aber bei weitem nicht der Stellenwert beigemessen worden sein, wie es heute oftmals der Fall ist. Zumindest bei der Mehrzahl der Menschen, also beim einfachen Volk, war das Augenmerk offensichtlich viel mehr auf die „niedere“ Mythologie gerichtet. Mit Riesen, Zwergen, Alben, Elfen, Landwichten, Disen, Walküren und Nornen musste man sich gutstellen, denn ihr Einfluss galt als wesentlich für das persönliche Schicksal des Menschen.

Fortsetzung folgt.

Quellen:

  • Gardenstone „Germanischer Götterglaube, Asatru: Eine moderne Religion aus alten Zeiten“, Norderstedt, Verlag BOD 2009
  • Gudmund Schütte „Dänisches Heidentum“, Hamburg, Verlag Daniel Junker 2006

Wenn…

…ja, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, dann hätte es tatsächlich sein können, dass sich heute mitten in einer norddeutschen Stadt ein Kultplatz für die Wanengötter befände!

Wäre ja auch ganz idyllisch, dieses Plätzchen im Stadtpark mit einem großen Eberstandbild, da ließen sich mal eben in der Mittagspause Opfergaben für Freya, Freyr oder Njördr ablegen! Vielleicht würden solche Praktiken das Verhältniss zu den Arbeitskollegen positiv beeinflussen und die Zeitspanne bis zur nächsten Gehaltserhöhung verkürzen?

Der Eber ist ein Tier, das mit den Wanen in Verbindung zu bringen ist. Die Wanen sind Götter, zu denen Freya und ihr Bruder Freyr zählen. Beiden wird ein Eber als Reittier zugeschrieben, also ein Tier, das für Kraft und Fruchtbarkeit bekannt ist. Die Wanen sind auch für Ackerbau und Wohlstand zuständig, und die Göttin Freya lebt selbstbestimmte Liebe und freie sexuelle Weiblichkeit. Der auch zu den Wanen zählende Njörd hat durch seinen Wohnort Noatun (= Schiffsplatz oder -stadt) Bezug zur Seefahrt und gebietet auch über Wind, Meer und Feuer. Die Berichte über Fruchtbarkeitskulte und die Verteilung von Ortsnamen, die auf Wanengötter zurückzuführen sind, lassen auf eine weit zurückreichende Verehrung an der westnorwegischen Küste und in mittelschwedischen Agrargebieten schließen, vielleicht auch auf hermaphoditische Gottheiten, die sich zu Götterpaaren entwickelten.

Ein Stein befand sich auch an dem Platz und trägt zur Erklärung dieses unerwarteten Fundes bei. Seine Inschrift bezieht sich auf eine Gilde und den Tierpark der Stadt…

Eber und Stein Textquellen: Asawiki und Simek „Lexikon der germanischen Mythologie“
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